911 versus Boxster


25.03.98
Heute habe ich meinen 996 in München gelassen und einen Boxster (knallgelb - ganz nett) als Ersatzwagen erhalten. Ich bin ehrlich gesagt sowohl positiv wie auch negativ in vielerlei Hinsicht überrascht.
Es ist das erste Mal, daß ich einen Boxster direkt fahren darf und das auch noch kurz nach einer Fahrt mit meinem 996. Zuerst fällt einem auf, daß die Innengeräusche im Boxster während der Fahrt (sowohl Motor- wie auch Windgeräusche) erheblich leiser sind als im 996 (!) und das trotz Stoffdach. Der 996 faucht und brüllt im Vergleich gewaltig, die Windgeräusche ab 160 km/h sind recht penetrant und trüben das Musikhören während der Fahrt.

Die Lenkung des Boxsters ist etwas schwergängiger als die des 996 und auch einen Hauch direkter. Was mir am Boxster im Gegensatz zum 996 sehr positiv aufgefallen ist, ist die kaum vorhandene Neigung zum Untersteuern. Man kann mit dem Boxster enge Kurven sehr flott durchfahren ohne daß er über die Vorderräder schiebt wie mein 996 (trotz Sportpaket und Breitreifen). Hier hat Porsche beim 996 eine zu "sichere" Auslegung gewählt, was vor allem beim Sportpaket mit der inklusiven Traktionskontrolle umso unverständlicher ist. Ein Gefühl der "Kastration" macht sich in dieser Hinsicht breit.- Schade!

Die Schaltung des Boxsters ist allerdings nicht so präzise zu schalten wie die des 996, überträgt teilweise Vibrationen (ich dachte der Boxster hat auch eine "Seilzugschaltung") und die Schaltwege sind auch länger als beim 996. Beim Motor sieht die Sache schon ganz anders aus, der Boxster ist dem 996 unter allen Aspekten unterlegen. Als ich zum ersten Mal im Boxster Gas gab, hatte ich das Gefühl auf einen Gummiball zu treten. Die Reaktion war zäh und irgendwie hatte ich rein subjektiv das Gefühl ein schwereres Auto zu fahren.

Der 996 ist dagegen eine echte Rakete; eine Sportmaschine, die durch die Untersteuerneigung leider "kastriert" wurde. Das wurde mir erst jetzt nach der ausgiebigen Fahrt mit dem Boxster bewußt, obwohl der Boxster bereits in der Zeitschrift SPORT AUTO in einem Test teilweise bessere Werte (z.B. im Slalom) brachte als der 996. Jetzt wird mir klar warum und ich muß mich wieder ärgern, daß für Komfort und absolute Narrensicherheit die Fahrdynamik kompromittiert wurde.

Man sollte mich nicht falsch verstehen: der 996 ist allemal schneller als der 993 oder der Boxster aber das vorhandene Potential wurde nicht voll ausgeschöpft. Umso unverständlicher ist diese Tatsache beim Sportpaket, da niemand mit gesundem Menschenverstand das Sportpaket bestellt, wenn er Komfort haben will. Also diese Strategie ist wohl etwas "in die Hose" gegangen.

Das Innenraumgefühl ist beim Boxster etwas "direkter", allerdings fühle ich mich, rein subjektiv, im 996 sicherer aufgehoben. Der Boxster wirkt auf mich in mancher Hinsicht wie ein "Spielzeug", allerdings ein sehr lustvolles. Er macht wirklich Spaß und wer auf mehr Platz, mehr Motorleistung und mehr Sicherheitsgefühl verzichten kann, ist mit ihm gut bedient. Was die Innenraumqualität des Boxsters betrifft, war ich so ziemlich geschockt: billig wirkendes Plastik mit einer Optik die weit unter der des 996 liegt. Hier muß ich Porsche verteidigen, man hat beim 996 doch auf mehr Qualität geachtet was allerdings nicht ganz gelungen ist. Mit den Plastikverkleidungen des Boxster hat der 996 wahrlich nichts zu tun: ein meilenweiter Unterschied, das hätte ich nicht gedacht.

Ich muß betonen, daß der Boxster den ich heute fahren durfte (und noch darf) keine Lederausstattung und außer Klima und CD-Radio keine weiteren Ausstattungsmerkmale aufweist. Das war eine Überraschung die ich mir SO nicht vorgestellt hatte. Ich muß jetzt zugeben, daß der 996 ohne Leder eine weit bessere Innenraumoptik als ein Boxster ohne Lederausstattung hat. Früher war ich immer davon ausgegangen (auch aufgrund von Presseberichten), daß beide Fahrzeugtypen die gleiche Qualität aufweisen. Wer behauptet, der Boxster und der 996 wären praktisch von vorne und von innen gleich, der sollte einen Augenarzt aufsuchen oder mal genauer hinschauen.

Ich bin nun nach der Fahrt heute mit dem Boxster zu der grundlegenden Erfahrung gelangt, daß es sich beim Boxster und dem 996 um zwei komplett unterschiedliche Fahrzeuge handelt, die wohl 38 % ihrer Bauteile gemeinsam haben sollen, wobei ich aber diese Behauptung Porsche's nach dem heutigen Tag nicht mehr teilen kann.

Interessant wäre zu erfahren, aus welchen Komponenten sich diese 38 % zusammensetzen sollen. Langsam habe ich den Eindruck, daß Porsche zwar einen recht großen Teil der Bauteile parallel entwickelt hat, jedoch die Behauptung mit den 38 % etwas übertrieben scheint. 38 % Gleichteile - möglich, 38 % ähnliche Bauteile mit gleicher Konstruktionsbasis - eher wahrscheinlich.
 


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Zuletzt aktualisiert 25.03 1998 (24.09.98) vom Redaktionsbüro Gerd Kebschull