Fahrberichte - Der Porsche Boxster


Christopher Hinck

 

 

6 Mai 1997 (neue Bilder vom 29.01.98)

Meine erste Begegnung mit Porsche

Ich war ungefähr acht Jahre alt, als mein Vater mich zu einer Autoausstellung in Stade mitnahm. Damals gab es bei uns noch eine Handelsvertretung, die aber inzwischen nicht mehr existiert. Mein Vater hatte damals die Gelegenheit, den Porsche 911 Turbo probezufahren. Ich erinnere mich noch genau, wie dieser breite rote Renner aus der Halle geschoben wurde. Auch mit meinen acht Jahren war es schon sehr eng auf dem Rücksitz und ich weiß noch, wie man alle anderen Autofahrer von unten gesehen hat. An Beschleunigung oder ähnliches habe ich keine Erinnerung mehr, nur der unglaubliche Sound dieses Triebwerks hat mich zum absoluten Fan gemacht.

Nachdem ich selber den Führerschein gemacht hatte, bin ich vom 924 über den 944 Turbo bis zum 911 Cabrio so ziemlich alles gefahren was Porsche gebaut hat (leider noch keinen Turbo und keinen 993), doch nichts konnte bisher meine Liebe zum 911er brechen. Dieser Wagen ist und bleibt mein Favorit.

Der Boxster

Boxster1Vom Design her wirkt der Boxster auf Photos relativ unspektakulär, doch in Natura gibt kaum schönere Autos. Etwas stören mich die Lufteinlässe in der Frontschnauze, aber was soll´s, dafür ist er von hinten betrachtet nur um so schöner. Schon beim Öffnen der Türen ist die sprichwörtliche Porschequalität zu spüren. Massiv und satt fallen sie ins Schloß. Das Einsteigen fällt leichter als beim 911er und man sitzt mit relativ geraden Beinen. Für meine Größe (195 cm) empfiehlt sich eindeutig die Tiptronic S, da das rechte Bein ansonsten beim Kuppeln gegen das Lenkrad stößt, auch wenn dieses axial auf volle Länge ausgezogen ist. Kopffreiheit ist genug vorhanden, allerdings hat man im geöffneten Zustand bei meiner Größe auch trotz Windschotts (welches unverständlicherweise extra bezahlt werden muß) ordentlich etwas um die Ohren, aber das ist halt das Offenfahren.

Hat man das Zündschloß gefunden (links wo sonst?) bekommt man schon einen ersten und äußerst angenehmen Eindruck von dem, was einen gleich erwartet. Dieses Motorgeräusch ist einfach einzigartig. Ein relativ tiefes sonores Brabbeln und die leichten Bewegungen des Autos im Leerlauf lassen hoffen. Die Kupplung getreten (geht ganz leicht!!!), den ersten Gang eingelegt und ab geht´s. Die Schaltung ist einfach hervorragend. Leichte und sehr exakte Gangwechsel bei kurzen Wegen machen das Schalten zum Vergnügen. Schon beim Anfahren macht sich der Motor durch sein anschwellendes Geräusch schmackhaft und bereits bei etwa 1100 Touren läuft der Wagen ohne zu ruckeln an.

Die ersten Meter zeigen, daß die Servolenkung zwar sehr direkt aber nicht unbedingt leichtgängig ist. Man muß schon etwas fester zugreifen, aber so soll es ja auch sein, denn sonst könnte man ja Mercedes fahren. Beim Beschleunigen aus niedrigen Drehzahlen zieht der Wagen zwar schon recht ordentlich, aber der erwartete Biß bleibt erstmal aus. Dies ist meiner Meinung nach auch der größte Schwachpunkt des neuen Porsche. Um sportlich voranzukommen muß der Motor stark gedreht werden. Bei seinem Sound eine nicht unangenehme Aufgabe, doch das schnelle Beschleunigen aus 2000 Touren funktioniert nur nachdem man ein bis zwei Gänge heruntergeschaltet hat. Für mich eine eher enttäuschende Vorstellung von einem 204 PS Sportwagen, da hatte ich mehr erwartet. Trotzdem ist es mir nicht gelungen auch bei sehr forcierter Fahrweise mehr als 11 Liter Super Plus zu verbrauchen, was wieder für den Motor spricht. Bewegt man sich also im Bereich von 4000 Touren aufwärts bringt der Wagen eine zweifellos begeisternde Beschleunigung, begleitet von einem „Schreien", das man erlebt haben muß. Alles in allem wären 30-40 PS mehr durchaus wünschenswert, aber der Boxster S soll ja ab ´98 kommen.

Das Fahrwerk ist dagegen über fast jeden Zweifel erhaben. Gute Verwindungssteifigkeit, stets ausreichende Traktion (auch mit der Serienbereifung) und fast spielerisches Handling machen einfach Spaß. Als problematisch empfand ich jedoch die Verarbeitung des Boxsters im Innenraum. Die von mir gefahrene Schaltversion knarrte und knackte an vielen Stellen, das Bedienfeld der Heizung paßte nur mangelhaft, die als Sonderausstattung erhältliche Mittelkonsole sah aus als wäre sie ein Zubehörteil von Aldi und die Auslaßöffnungen der Heizung erinnerten mich stark an Billigstplastik aus japanischen Autos. Ich frage mich, ob Porsche da den richtigen Weg geht, denn wenn in einem Probefahrzeug solche Mängel leicht zu erkennen sind, finde ich das bei einem Grundpreis von 76800,-DM sehr bedenklich. Allerdings konnte ich diese Mängel bei dem zweiten von mir getesteten Wagen mit Tiptronic nicht ausmachen. Dieser war mit Vollederausstattung und Klimaautomatik ausgestattet und machte einen wesentlich solideren Eindruck.

Boxster4Gegenüber der Tiptronic S war ich anfänglich mehr als skeptisch. Automatikgetriebe wirken ja wegen des Leistungsverlust durch die Wandler weniger spontan und direkt als Schaltgetriebe, was auch bei dem Boxster meiner Meinung nach zu Erkennen war. Dies verstärkte noch den Eindruck von relativer Kraftlosigkeit im unteren Drehzahlbereich. Allerdings kann diese Automatik nicht mit einer normalen Automatik verglichen werden. Die Schaltprogramme „merken" sich die aktuelle Fahrweise und man bekommt die unterschiedlichen Schaltweisen gut zu spüren. Bei sportlicher Fahrweise mit spätem Bremsen vor Kurven bleibt die Automatik im aktuellen Gang und man hat am Kurvenausgang sofort den richtigen Gang parat. Nach einer gewissen Eingewöhnungszeit kann mit dem Gaspedal die Schaltweise des Getriebes direkt beeinflußt werden. In der manuellen Schaltstellung kann das Getriebe über zwei Wippschalter am Lenkrad hoch- und heruntergeschaltet werden. Durch eine Anzeige im rechten Cockpitinstrument ist man über die gerade gewählte Gangstufe immer bestens unterrichtet. Das Schalten über diese Knöpfe macht einen riesen Spaß und wenn man dann noch anfängt mit dem linken Fuß zu bremsen, kann man recht flott unterwegs sein.

Würde ich vor der Wahl stehen, würde ich zur Tiptronic greifen. Gerade auch deshalb, weil sie über fünf Gänge verfügt und somit relativ kurz übersetzt werden konnte. Alles in allem ist Porsche ein sehr guter Wurf gelungen. Die Verdecklösung ist angenehm einfach und schnell, man hat relativ viel Platz (2 Kofferräume!) einen schönen Motor und ein hervorragendes Fahrwerk. Es macht einfach Spaß dieses Auto zu fahren. Wenn es den Boxster einmal mit 240-250 PS geben sollte, würde er eine ernstzunehmende Konkurrenz zum Elfer sein, allein schon durch den Preis. Solange man aber für ein gutausgestatteten Boxster (17" Räder, Klima, Leder, Windschott, Radio etc.) einen drei Jahre alten 993 bekommen kann (ca. 90000,-DM), würde ich diesen immer vorziehen, und ich wage die Prognose, daß viele Käufer diesen Gedanken haben werden, ihren (blindbestellten) Boxster gegen einen gebrauchten Elfer einzutauschen.

Soweit mein persönlichen Erfahrungen mit Porsches jüngsten Sprößling.. Ich hoffe, ich habe keinen Boxsterbesitzer gekränkt und kann mich noch in das nächste Porschezentrum wagen ;-)

Wie sehen denn Ihre Erfahrungen aus, etwa ähnlich?

Ich freue mich, von Ihnen zu hören und verbleibe

mit freundlichen Grüßen

Christopher Hinck
 


Redaktionell bearbeitet (Redaktionsbüro Kebschull) 29 Jan 1998 (20.09.98) von Gerd Kebschull