Fahrberichte - Der neue 911


Christopher Hinck

30.01.98

Hier nun meine Er"Fahrungen" mit dem neuen Elfer (ca. ½ Jahre alt, 10.000 km, silber, Volleder, Klimaanlage, Sportsitze):

996-1Was haben die bloß mit diesem Auto gemacht???????? Ich muß sagen, ich bin ganz hin- und hergerissen und weiß gar nicht so genau was ich zu diesem neuen Auto sagen soll. Grundsätzlich muß ich vorausschicken, daß ich mich zu der Fraktion der ewig gestrigen Elferfans zähle, die auch schon mit dem 993 so ihre Probleme hatte. Mir war damals das Design schon zu sehr in Richtung 968 gegangen, obwohl ich ihn heute für den schönsten Elfer halte. Unter diesem Aspekt bitte ich alle folgenden Äußerungen zu sehen. Aber nun zu den verschiedenen Aspekten des ersten Kennenlernens:

Das Design gefällt mir eigentlich ganz gut. Die Nähe zum Boxster stört mich jedoch schon etwas, denn für den doppelten Preis hätte ich gerne etwas mehr Eigenständigkeit. Der Wagen wirkt sehr bullig, kraftvoll und dynamisch. Das Öffnen der Türen läßt schnell die ersten Unterschiede zum Boxster klarwerden. Sie vermitteln viel eher das Gefühl von schwerer Qualität, wogegen man beim Boxster den Leichtbau schon beim Anfassen erfühlen konnte.

Im Inneren fühlt man sich gleich wie zuhause, wenn man den Boxster schon mal gefahren ist. Bis auf die zwei zusätzlichen Instrumente entspricht der Innenraum dem des Boxsters, was wieder meine Frage nach der Individualität dieses Autos aufwirft. Allerdings machen die verwendeten Werkstoffe einen wertigeren Eindruck als im Boxster, die Kunststoffe sind bezüglich der Haptik annehmbarer.

Betrachtet man allerdings solche Details wie die Sonnenblenden, die Schalen der Sportsitze, den Mitteltunnel oder die schlechte Passgenauigkeit der Mittelkonsole mit den vielen Blindblenden für weitere Sonderausstattungen muß ich sagen, daß ich es persönlich für eine Frechheit halten würde, hätte ich 150.000,-- DM ausgegeben und bekäme dann solch japanisch anmutendes Billigplastik geboten. Ich möchte arg bezweifeln, ob das der richtige Weg in die Zukunft ist. Kurzum, die Verarbeitungsqualität ist meiner Meinung nach ein ganz, ganz schlechter Witz für ein Auto dieser Preisklasse, insbesondere im Vergleich zu einem alten Elfer.

Vor kurzem bin ich den 10 Jahre alten 964 eines Freundes gefahren. Der Wagen hat über 120.000 km auf der Uhr und knistert nicht ein bißchen, auch auf den schlechtesten Straßen nicht.

996-2Hat man erstmal Platz genommen und den Wagen gestartet, ertönt ein sehr angenehmes Motorgeräusch. Nicht so laut und eindringlich wie der alte Elfer, aber trotzdem begeisternd. Leichtes Gasgeben erzeugt ein Fauchen, das nach mehr verlangen läßt. Die Schaltung fühlt sich im Elfer auch knackiger und direkter an, als im Boxster und ist sehr viel leichtgängiger als bei den alten Modellen. Auf den ersten Kilometern hatte ich bei kalter Kupplung und kaltem Getriebe jedoch das Problem, daß die Kupplung trotz vollem Durchtretens nicht richtig trennte und die Gänge etwas brutal einrasteten. Dies gab sich allerdings relativ schnell und dann ließ sich der Wagen schalten wie ein Golf (will ich das?).

Die ersten Meter im Hamburger Stadtverkehr Richtung Autobahn Berlin machten einen sehr angenehmen Eindruck. Ohne viel Kraftaufwand sind Kupplung und Lenkung zu bedienen, Stop and Go sorgt jetzt nicht mehr für Wadenkrämpfe und dicke Arme. Als wir die Autobahn erreichten, konnte der Wagen endlich sein ganzes Temperament ausspielen und ich muß sagen, daß ich noch von keinem Motor so begeistert war, wie von diesem Boxer. Kraft ist stets im Überfluß vorhanden, so daß man kann sehr schaltfaul fahren kann.

Von 60 im sechsten Gang herausbeschleunigen, stellt kein Problem dar. Man hat das Gefühl, auch dann noch allen davon fahren zu können. Auf etwas freierer Strecke konnte das Beschleunigungsvermögen dann noch einmal etwas genauer untersucht werden und es stellt keine Untertreibung dar, wenn ich sagen kann, daß das die unglaublichste Vorstellung war, die ich seit langem erleben durfte. Dieses Auto geht unbeschreiblich ab, spätestens nach drei Vollgasproben tun einem die Halsmuskeln weh und man muß erst einmal Luft holen. Alles läuft wie in Zeitraffer ab und man gelangt in Geschwindigkeitsbereiche, in die man eigentlich gar nicht wollte. Das Motorengeräusch trägt dabei seinen Teil zur Unterhaltung bei. Laufgeräusch und Gaswechselgeräusch zeugen von bester Porschetradition. Das haben die Schwaben wirklich hervorragend hinbekommen.

Dabei liegt der Wagen satt und sicher auf der Straße. Man hat ständig das Gefühl 50 km/h langsamer als tatsächlich zu fahren. Man meint nichts könnte dieses Auto aus der Ruhe bringen. Zu diesem vertrauenserweckenden tragen auch die Bremsen nicht unwesentlich bei, denn die Verzögerung ist so brutal, das man glaubt eine unsichtbare Hand würde einen stoppen. Das ist wirklich das allerbeste, was ich kenne. Etwas enttäuschend waren allerdings die starken Windgeräusche aus dem Bereich der B-Säule auf der Fahrerseite ab Tempo 150. Diese fehlten auf der Beifahrerseite vollständig, so daß ich auf eine schlecht eingestellte Tür schließen würde (Qualität?!).

Auch die letzten Kilometer zurück haben mich immer weiter begeistert. Dennoch glaube ich, möchte Porsche mit diesem Elfer ein etwas anderes Publikum ansprechen als mit den alten Modellen. Die geringeren Bedienkräfte, das angenehm einfache Fahrverhalten und die vielen Komfortverbesserungen zielen auf ein eindeutig älteres Publikum ab. Eher Jaguar XJS oder Mercedes SL oder S-Coupé-Fahrer sollen mit diesem Fahrzeug angesprochen werden und nicht mehr so sehr der sportlich ambitionierte Fahrer.

Mein Fazit lautet daher zwiespältig: Einerseits ein sicher hervorragendes Auto mit einer, für diese Preisklasse, unglaublich billig wirkenden Verarbeitungsqualität, einem fantastischen Motor aber schlechter Serienausstattung und eines sehr schönen aber leider nicht individuellen Stylings.

Gegen einen 993 würde ich ihn keinesfalls eintauschen, es sei denn ich könnte einen 993 mit dem neuen Motor bekommen.

Viele herzliche Grüße,

Christopher
 
 
 


Redaktionell bearbeitet (Redaktionsbüro Kebschull) 30 Jan 1998 (24.09.98) von Gerd Kebschull (Bilder vom 17.02.98)